5 Jahre ausgewandert – das schöne daran!
Dieser Artikel ist Teil 2 von insgesamt 2 Artikeln der Serie 5 Jahre ausgewandert - ein Resümee

Aber wie schon geschrieben. Nicht die negativen Dinge machen den Reiz des “Auswanderns” aus. Ich persönlich würde mich noch nicht mal als “ausgewandert” betrachten. Vielmehr lebe ich halt jetzt wo anders. Auch habe ich das nie als “Auswandern” in dem Sinn bezeichnet.


Ich wollte schon immer anders leben, als durchschnittlich. Und so habe ich bereits in Deutschland anders gelebt, als die meisten. Montag bis Freitag arbeiten, Samstag, was weiß ich, Fußball schauen und Sonntag Frühschoppen mit anschließender Kirche (oder anders herum :D ). Wie auch immer… Und dann unter der Woche nach Hause kommen von der Arbeit, gemeinsames Abendessen, Fernsehabend. Zeitgleich den Urlaub für das nächste Jahr planen usw. So richtig schön eingefahrener Alltagstrott halt eben. Nicht wirklich meine Welt…

Und dann dauernd die Erinnerungen an meine Kindheit und Jugendzeit. Als ich mit meinen Eltern im Campingmmobil losgezogen bin Richtung Jugoslawien hauptsächlich. Irgendwie immer begleitet von einem Gefühl der Freiheit. Und auch einer maßlosen Traurigkeit, wenn es dann wieder Richtung “Heimat” ging. In den damals für mich schon irgendwie trist wirkenden Alltagstrott. Und so bin ich dann auch schon immer gerne gereist.

Das allerbeste für mich wäre, in einem als Campingmobil umgebauten LKW oder Bus zu leben und wirklich da zu sein, wo man gerade sein mag. Jedoch war das nahezu unmöglich zu dem Zeitpunkt, als ich vor über 5 Jahren nun Deutschland “und tschüss” gesagt hatte. Denn damals war es noch nicht so einfach, auch mobil ins Internet zu kommen. Nur dass sich das auch immer mehr verbessert. Und vielleicht ist es auch das, was bei mir noch kommen wird. Dass ich mir irgendwann einen LKW kaufe, nach meinen Bedürfnissen umbaue und dann da – und vor allem wo immer ich will (soweit durch politische und gesetzliche Möglichkeiten machbar) lebe, wo es am besten passt. Denn eines merke ich noch immer: so richtig 100 Prozent da angekommen, wo ich möchte, bin ich noch nicht. Ich zieh immer noch gerne um. Vielleicht wird also das eines Tages die Lösung sein… :)

Dafür bin ich aber insgesamt schon sehr nahe an der (nein, meiner!) Vorstellung von Leben dran, wie ich jetzt lebe. Es ist einfach anders. Ich finde es jedes Jahr mehr faszinierend, dass ich mittlerweile unter 24 Grad schlottre vor Kälte (in Deutschland hatte ich nicht mal im höchsten Winter langarmige Shirts). Auch, dass das Gefühl von Schnee mittlerweile mehr eine Erinnerung als ein noch echtes Gefühl ist.

Und dann aber vor allem eins: ich kann hier im Großen und Ganzen so leben, wie ich das will. In Deutschland bin ich zuvor andauernd irgendwo angeeckt. Und wenn es nur mit der Politesse war, weil ich mit dem LKW zum Anliefern in 2 Reihe parken musste, ich die Ware schon vor dem Geschäft hatte und sie sich nicht erweichen ließ, mich es wenigstens in das Geschäft hineinzuschieben – nein, wieder auf den LKW und dann weg mit LKW, falls ich kein Knöllchen wollte. Die ganzen Kleinigkeiten, wo einem immer gezeigt wird “das darfst Du, das nicht, das darfst Du wieder, das wieder nicht” usw. Diese Überreglementierung einfach.

Das alles ist hier weg. Ich bin plötzlich frei. Ich kann plötzlich mein Leben leben, wie ich will. Nicht überall stoplert man die ganze Zeit über sinnlose Regulierungen. Und Beamte schauen einen nicht wie Beamte an, sondern wie Menschen. Sind freundlich und zuvorkommend und drücken auch mal ein Auge zu.

Ich trinke ja eigentlich nie Alkohol. Aber sollte ich doch mal ein Bier trinken, dann sitz ich auch dann nicht dauernd rum und frage mich eine Stunde lang, ob wohl noch eines ginge. Klar geht noch dieses eine Bier. Und ich verliere nicht gleich meinen Führerschein. Und wenn es doch mal zu viel wurde, dann besorg ich mir halt schnell ein Taxi. Das kostet mich, wenn es teuer ist, zu mir nach Hause 100 Baht. In Deutschland hätte ich wenigstens 50 Euro dafür beiseite legen müssen. Und vor allem hätte ich es schon nach dem 2. Bier nehmen müssen.

Klar, ich habe auch hier meine Verpflichtungen (siehe Visa). Aber das ist längst nicht so viel wie in Deutschland. Ich habe hier halt einfach mehr das Gefühl, freier zu sein. Es ist auch nicht die 100 prozentige Freiheit, das ist schon klar. Allerdings mischen sich Staat und Behörden viel weniger in mein normales Leben ein.

Und auch, um noch mal zum Wetter zurückzukommen, das Klima an sich. Nicht nur, dass ich hier nicht Schnee schaufeln muss. Das schönste ist einfach, morgens aufzuwachen und die Sonne scheint. Gut, auch hier gibt es bewölkte Tage. Die sieht man aber immer noch besser als in Deutschland, denn bewölkt heißt normalerweise auch etwas kühler, was ja hier durchaus angenehm sein kann :D

Und insgesamt überwiegen ganz einfach die Sonnentage. Und es ist ein ganz anderes Leben und auch Arbeiten, wenn die Sonne scheint. Alles macht viel mehr Spaß. Auch andere Sachen, die viel Spaß machen, sind hier nicht auf ein paar Wochen im Jahr beschränkt so wie in Deutschland. Zum Beispiel draußen sitzen (ist was, das ich abends schon in Deutschland gerne gemacht habe), oder auch grillen mit einem Holzkohlegrill.

Und auch mit den Menschen um mich herum passt alles. Solange man sie nicht zu nahe an sich ranlässt, ist es mit den Thais (und auch anderen asiatischen Nationalitäten) äußerst angenehm. Und ich habe auch nichts an der Lebenseinstellung der Asiaten auszusetzen (dass die Familie zuerst kommt, dass Geld eine solch große Rolle spielt usw.). Ich habe mich genug mit der Tradition, der Kultur und auch der Geschichte hier befasst, dass ich durchaus weiß, dass das meiste Sinn macht und einen Grund hat. Auch sehe ich deshalb nicht herab auf die Menschen. Allerdings stelle ich auch durchaus klar, dass das nicht meine Art von Lebensauffassung ist. Ich sehe mich da halt nicht als allzusehr “kompatibel”. Aber das macht auch nichts. Schließlich bin ich ja nicht wegen der Frauen hier geblieben, sondern weil mir das Land und auch das Wetter so gut gefallen haben.

Und eine Frage, die ich mir auch jedes Jahr stelle (sozusagen der persönliche Gradmesser): ob ich es wieder machen würde, mein Zeug packen und woanders zu leben. Definitiv ja. Müsste ich heute, aus welchen Gründen heraus auch immer, wieder nach Deutschland zurück, ich würde sofort wieder daran arbeiten, so schnell wie möglich wieder weg zu sein. Nur dass ich mir dann vielleicht einen anderen Kontinent anschauen würde…

Aber eines würde ich wieder genauso machen: ohne lange drüber nachzudenken von heute auf morgen gehen ;)

Denn auch etwas anderes fällt mir auf. Die Zeit vergeht hier wie im Flug. Obwohl ich eigentlich gerade in Deutschland viel beschäftigter war, hätte sie doch gerade dann dort schneller vergehen müssen. Aber nein, hier und jetzt, die letzten 5 Jahre sind es, die vorüber gingen in – ja, anders lässt es sich kaum sagen – in Windeseile. Würde ich heute meine Sachen zusammenpacken, würde ich auf die letzten 5 Jahre eher wie auf einen mehrmonatigen Urlaub zurückblicken, so aus dem Gefühl heraus. Also kann ich sagen, dass ich auch noch etwas dazugelernt habe: nicht nur, wenn man sehr stark beschäftigt ist, vergeht die Zeit viel schneller. Auch, wenn man nicht sooo beschäftigt ist, aber sich ungemein wohl fühlt, scheint es wohl so zu sein, dass Zeit einfach nur noch rast – leider :D

Tani Kinderprojekt Kambodscha
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